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Raum-zeitliche MobilitÄtsanforderungen als Hemmnis beruflicher Karrieren von Frauen in Wirtschaft und Wissenschaft – Strategien zu ihrer Überwindung

MobilitÄtsverhalten von hochqualifizierten Naturwissenschaftlerinnen und Ingenieurinnen - erste Ergebnisse

Das hier vorgestellte Projekt ist der Frage nach dem Mobilitätsverhalten von Hochqualifizierten Frauen (und Männern) mit mehreren empirischen Erhebungen nachgegangen (siehe Menuepunkt Methodik).
Dabei hat sich ein sehr differenziertes Bild sowohl des räumlichen Mobilitätsverhaltens als auch der Mobilitätsanforderungen in Wirtschaft und Wissenschaft ergeben. Wie mobil hochqualifizierte Erwerbstätige für ihren beruflichen Aufstieg sein müssen und wie mobil sie tatsächlich sind, hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab, die von dem jeweiligen Berufsfeld über die Art der Tätigkeit bis zu persönlichen Faktoren wie Lebensform und erreichte berufliche Stellung reichen.

MobilitÄtsverhalten von Naturwissenschaftlerinnen und Ingenieurinnen


Im Zentrum einer unserer empirischen Erhebungen steht die Frage nach der Bedeutung des Tätigkeitsfelds für die Mobilitätsanforderungen und das Mobilitätsverhalten hochqualifizierter Frauen, die wir am Beispiel promovierter Natur- und Ingenieurwissenschaftlerinnen untersucht haben.

Nicht in allen TÄtigkeitsbereichen ist rÄumliche MobilitÄt gleichermaßen erforderlich

Unsere Untersuchungen zeigen, dass die viel zitierte hohe Mobilität von Wissenschaftlerinnen in der Post-Doc-Phase, möglichst verbunden mit einem längeren Auslandsaufenthalt, vor allem für einige Naturwissenschaften charakteristisch ist, während in den Ingenieurwissenschaften weit weniger räumliche Mobilität notwendig zu sein scheint. Zumindest unter den von uns in einem repräsentativen Verfahren ausgewählten rund 1000 Befragten sind die im Wissenschaftssystem verbliebenen Mathematikerinnen nach der Promotion im Durchschnitt alle dreieinhalb Jahre über eine Entfernung von mehr als 50 km aus beruflichen Gründen umgezogen. Sie hatten damit rund zweieinhalb Mal so häufig aus beruflichen Gründen Fernumzüge wie ihre im Wissenschaftssystem tätigen Kolleginnen mit einer Promotion in den Bau- und Planungswissenschaften. Etwas weniger aus beruflichen Gründen räumlich mobil als die Mathematikerinnen, jedoch immer noch deutlich mobiler als die Ingenieurwissenschaftlerinnen, sind die Wissenschaftlerinnen anderer Naturwissenschaften wie Biologie, Chemie, Informatik und Physik.
Dabei ist eine hohe Mobilität kein generelles Phänomen der Naturwissenschaften, denn die vergleichbar qualifizierten Naturwissenschaftlerinnen, die nach der Promotion eine Tätigkeit außerhalb des Wissenschaftssystems gewählt haben, sind signifikant seltener aus beruflichen Gründen umgezogen als ihre im Wissenschaftssystem verbliebenen Kolleginnen. Ihre Mobilität entspricht der der außerhalb des Wissenschaftssystems tätigen promovierten Ingenieurinnen, die signifikant deutlich mobiler sind als ihre im Wissenschaftssystem tätigen Fachkolleginnen. Offenbar gibt es also deutliche bereichs- und disziplinspezifische Unterschiede in den Mobilitätsanforderungen, was die weit verbreitete These von der allgemein gestiegenen berufsbedingten räumlichen Mobilität zwar nicht völlig widerlegt, aber doch relativiert – und auch einen erheblichen Spielraum für individuelle Mobilitätsstrategien wie auch für die Mobilitätsanforderungen von Wirtschaft und Wissenschaft vermuten lässt.

Das MobilitÄtsverhalten wird entschieden von der Lebensform beeinflusst

Neben dem Tätigkeitsbereich spielt für das berufliche Mobilitätsverhalten die aktuelle Lebensform eine entscheidende Rolle. Relevant ist dabei, zumindest bei den von uns befragten hochqualifizierten Naturwissenschaftlerinnen und Ingenieurinnen, nicht das Bestehen einer Partnerschaft, denn Befragte mit einem in einem getrennten Haushalt lebenden Partner/einer Partnerin ziehen bei einem Tätigkeitswechsel genauso häufig um wie alleinlebende Befragte. Besteht ein gemeinsamer Haushalt mit einem Partner (oder einer Partnerin), wird dagegen weit häufiger eine neue Tätigkeit gewählt, für die kein Umzug notwendig ist (siehe Grafik). Noch stärker ist die Bindung an den Wohnort, wenn auch Kinder im gemeinsamen Haushalt leben. Eine etwas höhere Mobilität als in Partnerschaft lebende Frauen haben die allein mit ihrem Kind/ihren Kindern lebenden, insbesondere wenn sie einen Partner in einem getrennten Haushalt haben. Aber auch bei diesen Frauen „hemmen“ Kinder die Bereitschaft zur räumlichen Mobilität. Eine Partnerschaft mit Kindern stellt, auch für hochqualifizierte Naturwissenschaftlerinnen und Ingenieurinnen, also Frauen, die einen frauenuntypischen Beruf gewählt haben, ein Mobilitätshemmnis dar. Vergleichbare Ergebnisse über die Bedeutung der Lebensform für die Mobilität ergab auch unsere repräsentative Bevölkerungsbefragung in drei ausgewählten Großstädten.

RÄumliche MobilitÄt konzentriert sich auch bei Wissenschaftlerinnen auf die ersten Jahre nach der Promotion

Der daraus entstehende Konflikt wird, darauf deuten sowohl einige Ergebnisse unserer quantitativen Analyse als auch ergänzende qualitative Interviews mit einigen der befragten Naturwissenschaftlerinnen und Ingenieurinnen hin, in vielen Fällen durch eine Verlagerung der Familienphase auf die Zeit nach der beruflichen Etablierung zu lösen versucht. Denn die Mobilität konzentriert sich auf die ersten Karriereschritte nach der Promotion: Rund 30 % der Befragten sind direkt im Jahr der Promotion für eine neue berufliche Tätigkeit umgezogen, ein weiteres Drittel ist im zweiten bis vierten Jahr nach der Promotion in Zusammenhang mit einem beruflichen Wechsel umgezogen, teilweise wegen einer Post-Doc-Stelle, teilweise für einen Einstieg in die Privatwirtschaft. Je ein weiteres Fünftel ist in den Jahren fünf bis neun sowie zehn Jahre und mehr nach der Dissertation umgezogen. Knapp die Hälfte der letztgenannten Umzüge war mit der Berufung auf eine Professur verbunden, wobei knapp 60 % der Neuberufenen Mütter waren, die ihre Kinder im Durchschnitt sieben Jahre vor ihrer Erstberufung bekommen haben. Da es in der langfristigen Perspektive den meisten Befragten, auch den Singles, darum geht, in einer Region dauerhaft leben zu können, um ein stabiles soziales Umfeld aufzubauen und/oder mit einem Partner/einer Partnerin zusammen zu leben und eine Familie zu gründen, stellen insbesondere Mobilitätsanforderungen in den späteren Karrierephasen eine besondere Herausforderung für hochqualifizierte Frauen dar, denen die Betroffenen in unterschiedlicher Weise begegnen. Die traditionelle Verhaltensweise von Frauen, den beruflichen Interessen des Partners zu folgen und entweder mit ihm mitzuziehen oder wegen des Partners auf eine eigene, mit einer räumlichen Veränderung verbundene berufliche Veränderung zu verzichten, ist dabei für die von uns befragten hochqualifizierten Frauen allerdings keine Alternative.

Die ergänzende Bevölkerungsbefragung, in der vor allem Unterschiede zwischen Männern und Frauen herausgearbeitet werden sollten, bestätigt die Bedeutung der Lebensform für das mobilitätsverhalten von Frauen. Frauen sind insbesondere in Lebensgemeinschaften mit Kindern weniger für den Beruf räumlich mobil. Ihre (berufsbezogenen) Umzüge konzentrieren sich auf die Berufseinstiegsphase bzw. auf nicht familiale Lebensformen. . Bei den befragten Männern konnte eine vergleichbare Bedeutung der Lebensform für das Mobilitätsverhalten nicht nachgewiesen werden. Allerdings sinkt auch bei Männern die Mobilität mit dem Alter. So zeigte sich z.B., dass auch die in unserer Studie zunächst als „immobil“ bezeichneten Langansässigen, die mindestens seit 10 Jahre im Befragungsgebiet wohnten, in nicht unerheblichem Maß in jungen Jahren mobil waren und dass sich unter den von uns zunächst als „mobil“ bezeichneten Zugereisten kaum ältere Personen befanden. Darüber hinaus konnte zwar mit Hilfe von Regressionsanalysen ein Einfluss der beruflichen Mobilität auf die Karriereentwicklung nachgewiesen werden, doch ist der Zusammenhang geringer als vielfach angenommen: Es gibt sowohl eine zahlenmäßig relevante Gruppe von Befragten, die seit berufsbeginn immobil waren und trotzdem Führungsposition erlangten, als auch eine zahlenmäßig ebenso bedeutende Gruppe hochmobiler Personen ohne beruflichen Erfolg.nach oben